IKKM Lectures | Cranachstr. 47, Salon
17. November | 19:30 | Herta Wolf (Köln)
“Die Kodierungen der Zeichenmeisterin Natur”
In den die Veröffentlichung fotografischer Verfahren 1839 begleitenden Texten trifft man auf Tropen, durch die das Spezifische, das epistemisch Neue der Prozesse gleichermaßen wie der durch diese generierten Daguerreotypien bzw. fotogenischen Zeichnungen, benannt werden sollte.
In diesen Metaphern werden »Natur« dinge in Beziehung zu Artefakten gesetzt: etwa dann, wenn Jean-Baptiste Biot das fotografische Objektiv als »künstliche Retina« bezeichnet oder aber wenn Henry Talbot die »Natur« als Zeichenmeisterin qualifiziert. Die Funktion dieser Vergleiche scheint klar zu sein: Sie sollen den Bruch zwischen vor- und nachfotografischen Aufzeichnungsverfahren markieren, der in der reduktionistischen Peircelektüre der Fotogeschichte als einer zwischen ikonischen und indexikalischen Zeichen(generatoren) ausgegeben wird. Das Bild der Natur, die Fotografie, scheint als Antipode der Menschen gemachten Zeichnung, als ihr Anderes zu fungieren.
Unterzieht man jedoch (nicht allein) die verfahrenstechnischen Werbepublikationen der Frühzeit der Fotografie einer Relektüre, dann können, wie ich in meinem Vortrag darzulegen suche, das scheinbar nicht kodierte Naturzeichen (vgl. Roland Barthes’ »message sans code« [1961]) als kodiertes, der Medienbruch als Kontinuität und die der Hand und damit dem Individuum gezollte Zeichnung als exaktes relationales Darstellungsmedium begriffen werden.
Einerseits. Denn andererseits bleibt unbestritten, dass sich das Bilder- und Bildzeichengefüge verändert hat, seit die »Dame Natur« als Zeichenmeisterin fungiert.