IKKM Lectures | Cranachstr. 47, Salon
26. Mai | 19:00 | Hans-Jörg Rheinberger (Berlin)
Von Spuren zu »Daten«, von Daten zu »Fakten«
Fakten sind merkwürdige wissenschaftliche Dinge, die es lohnt, sich näher anzusehen. Der lateinische Wortsinn deutet auf gemachte Dinge, auf Tatsachen. Wie Gaston Bachelard einmal sagte: „Un fait est fait.“ Im Sprachgebrauch der modernen Wissenschaften jedoch werden sie als gegeben angesehen. Und mit den Daten verhält es sich genau umgekehrt. Dem lateinischen Wortsinn nach sind die das Gegebene, der wissenschaftliche Sprachgebrauch versteht sie jedoch als Laborprodukt. Dieser Chiasmus muss zu denken geben.
In meinem Vortrag wird es darum gehen, etwas genauer zu verfolgen, wie in experimentellen Systemen zunächst einmal Spuren erzeugt werden. Experimentelle Spuren sind aber zumeist flüchtiger Natur. Sie müssen auf Dauer gestellt, also gesichert werden. In dieser gesicherten Form nehmen sie den Charakter von Daten an. Schließlich sind die Operationen zu betrachten, auf deren Basis es zur Verarbeitung von Daten und damit zur Verfertigung von Fakten kommt. In diesem Kontext soll auch das prekäre Verhältnis von epistemischen Dingen und wissenschaftlichen Fakten diskutiert werden. Zur Veranschaulichung der theoretischen Überlegungen dient mir die Technologie der radioaktiven Spurenerzeugung in dem Bereich biologischer Forschung, der als molekulare Genetik und Genomik bezeichnet wird.