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IKKM Lectures | Cranachstr. 47, Salon

07. Juli |  19:00   |  Nikolaus Wegmann (Princeton)

»Die Mauer und die Bücher«. Zur Geschichte eines großen Experiments


An Forschungen zur Literatur der DDR ist kein Mangel. Vielleicht ist das Thema inzwischen sogar ausgeforscht, jedenfalls dann, wenn die Forschung sich nur an die thematischen und konzeptionellen Raster hält, die der Gegenstand so offensichtlich selbst mit sich bringt. Die Fragen bleiben dann in den vertrauten Koordinaten des bis in die Kunsttheorie hinein reichenden Ost-West-Konflikts.

Das alles muss nicht noch einmal gemacht werden. Man darf es anders machen, schließlich ist die Literatur der DDR ein hochunwahrscheinliches Phänomen. Ausgerechnet in der Literatur hat sich dieser Staat repräsentiert gesehen. In der Selbstbeschreibung als »Lesegesellschaft« oder »Literaturgesellschaft« hatte dieses kulturpolitische Narrativ seinen offiziellen Titel.

Die Literatur der DDR war eine eigene Form von Literatur. Denn die eigentliche Realität dieser Literatur liegt nicht in den Werken und Autoren. Entscheidend ist vielmehr die für die DDR spezifische Weise, in der die Zirkulation von Texten als Literatur organisiert worden ist. Zirkulation ist dabei zweifach zu beschreiben: auf der Ebene von Programmen und allgemeinen Konzepten sowie in konkreten Praktiken des Textumgangs. Beide Perspektiven treffen sich dort, wo Texte als Literatur gelesen und so erst Teil der literarischen Kommunikation werden. Von hier aus lassen sich dann auch die schwierigen Fragen stellen: Gibt es eine Verbindung zwischen zentraler Steuerung, Kreativität und literarischer Kommunikation als Medium gesellschaftlicher Identitätsbildung? Warum ist die DDR-Literatur als ein Großexperiment in der Geschichte des Mediums Druck und der Kulturtechnik des Lesens damals gescheitert? Ist dieses gescheiterte Experiment nur ein Kapitel aus der Faszinationsgeschichte der Literatur? Eine weitere Version der großen Erzählungen von der Macht der Literatur?

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