Editorial des ersten Heftes: Herbst 2009
Nach einem Jahrhundert ihres relativ soliden, fraglosen Bestehens sind die modernen Geisteswissenschaften seit etwa 25 Jahren einer tiefgreifenden Herausforderung ausgesetzt. Diese Herausforderung ist so epochal wie die Entstehung der Geisteswissenschaften selbst. Sie wurde und wird weiterhin weder von den exaktwissenschaftlichen Fakultäten noch von den Ökonomisierungsanfällen der Politik vorgetragen, sondern vielmehr vom Aufkommen eines ganz neuen Wissenstyps aus dem Herzen der philosophischen Fächer selbst.
Die Herausbildung und anschließende Institutionalisierung dieses neuen Wissenstyps geschah zunächst disparat und ist heute bei weitem noch nicht abgeschlossen. Aber er hat sich unter verschiedenen Bezeichnungen und in verschiedenen Verfassungen doch inzwischen nachdrücklich etabliert. Seine gewiss wirksamste Form hat dieser neue Wissenstyp und hat diese Herausforderung unter der Bezeichnung der Medien- und Kulturwissenschaft erfahren. Medien- und Kulturwissenschaft muss sich heute, anders als vor gut zwanzig Jahren, kaum mehr eigens behaupten. Die Frage ist nur noch, ob sie sich innerhalb des Kanons der Fächer der philosophischen Fakultät als ein weiteres Paradigma der Geisteswissenschaften durchsetzt oder aber außerhalb Platz findet, als Kompensationsunternehmen.
Das Programm der Medien- und Kulturwissenschaft besteht hauptsächlich aus zwei Partien. Erstens lenkt sie die Betrachtung von den Sinnprodukten – Texten, Bildern, Bauten, Begriffen, Szenen – um auf die Sinnproduktion, auf ihre Praktiken, Operationen und Prozeduren. Zweitens aber prüft sie die Sinnproduktion dabei auf ihre selbst nicht sinnförmigen, z.B. materiellen und instrumentellen Voraussetzungen und Bedingungen hin. Sie befragt ihre Effekte auf und Vernetzungen mit anderen Aktivitäts- und Entwicklungsformen außerhalb der Sinnproduktion. Das Programm der Medien- und Kulturwissenschaft nimmt also an, dass Sinn aus Nicht-Sinn, etwa aus dem Bezirk der Zwecke und ihrer Komplikationen, hervor- und in ihn wieder wirksam eingeht, ohne jedoch das eine irgendwie auf das andere zu reduzieren. Es setzt ein Kontinuum von Sinn und Nicht-Sinn voraus, beispielsweise von Bewusstsein und Körper, von Wahrnehmung und Apparatur, von Begriff und Funktion, von Wissensobjekt und physischem Objekt, von Materialität und Bedeutsamkeit. Die jeweiligen Pole, weit davon entfernt, in eins gesetzt oder in ihrer Differenz negiert zu werden, bringen sich in dieser Sicht vielmehr wechselseitig hervor. Medien- und Kulturwissenschaft übersteigt so das hermeneutische Grundkonzept, nach dem Sinn immer nur auf anderen Sinn zurück- und vorausweist.
Eine der wirksamsten Formen der Sinnstiftung ist zweifellos die Wissensproduktion; und hier wiederum das wissenschaftliche Wissen. Deshalb ist die Provokation der Geisteswissenschaften durch die Medien- und Kulturwissenschaft von derart spezifischer Wirksamkeit vor allem innerhalb der Wissenschaft selbst: Medien- und Kulturwissenschaft hat sich unter anderem darauf verlegt, gerade dem modernen wissenschaftlichen Wissen seine vielfältigen Verbindungen zu seiner eigenen dinglichen Basis nachzuweisen.
Selbstverständlich kann und muss sich dieser neue Wissenstyp durch einen langen historischen Vorlauf legitimieren. Viele Anstrengungen sind schon darauf verwendet worden. Er ist also gar nicht wirklich neu, sondern sehr viel älter als die angegebenen 25 Jahre. Um nur anzudeuten: Ohne Strukturalismus und Poststrukturalismus, ohne Lacan, Barthes, Foucault, Derrida und Deleuze, wäre er wohl nicht begründbar, vermutlich auch nicht ohne die Begleitung durch die Soziologie der Sinnsysteme in der Folge Niklas Luhmanns. Man kann ihn aber auch mühelos und prominent und explizit auch schon bei Marshall Mc-Luhan vorfinden; selbstverständlich bei Walter Benjamin und, nochmals deutlich früher, bei Friedrich Nietzsche. Sogar in der Zeichenphilosophie Charles Sanders Peirces wäre der Nachweis früher Wurzeln denkbar; und alle Genannten weisen schließlich in die gesamte Tiefe der Wissens- und Philosophiegeschichte zurück. Außerdem sind, das ist ja eine Konsequenz des neuen Programms selbst, die Grundlegungen des Paradigmas gar nicht mehr ausschließlich in Texten zu suchen, sondern ebenso in Artefakten und Praktiken, in ästhetischen und technischen Objekten und Verfahren, von der Laborpraxis der Forschung bis zum avantgardistischen Montageexperiment.
Dennoch wird der Ansatz der Medien- und Kulturwissenschaft erst in den letzten 25 Jahren in herausragender Weise wirksam, explizit, selbstbewusst und nachgerade schulbildend. Dieser Umstand hat vielfältige Ursachen. Eine der wichtigeren ist im massiven Vordringen technischer Medien in den gelebten Alltag, in Alltagspraxis und Alltagswissen, in diesem Zeitraum zu sehen. Technische Geräte, die sinnstiftende Funktionen einnehmen und an der Erbringung von Kultur- und Reflexionsleistungen mitwirken, haben sich seit dem späten 20. Jahrhundert mit der Ausbreitung des Rechners massiv in den Vordergrund der Aufmerksamkeit gespielt. Sie haben darin frühere Kulturtechnologien, Wahrnehmungshilfen, Schreib- und Druckwerkzeuge, technische Bilder und Massenkommunikationsmittel weit übertroffen. Die Hereinnahme der technischen Medien – etwa Film oder Rundfunk – in den Gegenstandsbereich der Theoriebildung hat zwar schon früh zu ersten Irritationen geführt; und die von heute aus so genannten »Einzelmedientheorien« enthalten sehr viel Erhebliches für die Kultur- und Medienwissenschaft. Das kann man z.B. an der Filmtheorie und ihrer Entwicklung leicht überprüfen. Trotzdem aber blieb das Medienwissen lange Zeit hindurch minoritär und war im Grunde nur halb legitim, wurde etwa in einem fragwürdigen Licht wegen seiner unklaren Beziehung zu »bloßem« Praxiswissen und der Tageskritik gesehen.
So konnten die älteren Medien noch immer als willenlose Werkzeuge und somit sinnstrukturell, bedeutungs- und wissenstechnisch irrelevant abgetan werden. Der Rechner dagegen hat hier für eine andere Ausgangssituation gesorgt. Er ist nicht Teil eines Sonderraums und einer Sonderpraxis und lässt uns auch nicht mit seinen Produkten allein. Er spannt uns vielmehr ein. Er begünstigt daher ein Paradigma, das nach den Vermittlungsprozeduren zwischen dem Technischen, Materiellen und Zweckmäßigen einerseits und den Reflexions- und Sinngebungsleistungen sucht. Man kann nun nicht mehr stur und dogmatisch der sicheren Annahme ihrer jeweiligen Unvereinbarkeit nachgehen und sie garantieren. Das heißt bei weitem nicht, dass der Rechner der privilegierte Betrachtungsgegenstand der Medien- und Kulturwissenschaft wäre; fast ist angesichts der enormen historischen Tiefe der Mediengeschichte und der Vielzahl und Vielfalt auch synchroner Medienphänomene sogar das Gegenteil der Fall. Aber der Rechner ist vermutlich eine entscheidende Ausbreitungsbedingung für ihren Wissenstyp und damit für ihren Erfolg.
Heute ist die Medien- und Kulturwissenschaft als Grundlagendisziplin zumindest in der deutschen Wissenschaftspolitik auch offiziell anerkannt. Sie hat sich institutionell und akademisch stürmisch entwickelt. Ihre Studiengänge, die vor allem in den 90er Jahren an Zahl enorm zugenommen haben und noch immer anwachsen, erfreuen sich ungebremst einer außerordentlichen Nachfrage. Die Zahl der ihr zuzurechnenden Professuren hat sich in den 25 Jahren mehr als verzehnfacht. Der Wissenschaftsrat hat sie mit einem – wenngleich umstrittenen – Grundsatzpapier bedacht und mit dem trotz seiner Unhandlichkeit doch recht wirksamen Etikett der »kulturwissenschaftlichen Medialitätsforschung« versehen. Mit der Umwidmung der eingefahrenen »Gesellschaft für Film- und Fernsehwissenschaft« in eine »Gesellschaft für Medienwissenschaft« hat sie ihre wissenschaftliche Fachgesellschaft gefunden. DFG-Fachsymposien sollen die Eigenidentität und Forschungsstärke der Disziplin weiter stärken, und sogar in der jüngeren Forschungsexzellenz ist sie trotz ihrer Traditionslosigkeit ansatzweise an- und vorgekommen. Trotz all dem ist sie immer noch ein eher kleines Fach, aber sie gilt als ein ausgesprochen erfolgreicher Exportartikel der deutschen Wissenschaftslandschaft, wie es ihn zumindest in den Geisteswissenschaften schon lange nicht mehr gegeben hat. Die Einrichtung einer Fachzeitschrift gehört zu den weiteren Institutionalisierungsschritten des Paradigmas. Denn ein solches Fachorgan fehlt der Medien- und Kulturwissenschaft noch. Es gibt durchaus Organe der »Einzelmedienwissenschaften« – der Photographie-, der Film-, der Rundfunkforschung beispielsweise. Sie aber bilden das spezielle Wissen der Medien- und Kulturwissenschaft oft nicht oder nur ansatzweise und punktuell ab und folgen mindestens implizit vielfach eher ungebrochen traditionellen empirischen oder hermeneutischen Programmen als dem hier beschriebenen Paradigma. Dies soll sich nun ändern.
Die »Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung« (ZMK), deren Pilotnummer hiermit vorliegt, erhebt den Anspruch, den so verstandenen Wissens- und Aufgabenkern der Medien- und Kulturwissenschaft zu repräsentieren, in wechselnden Anwendungs- und Gegenstandsbereichen zu erproben und vor allem weiter zu entwickeln, zu wandeln und zu schärfen. Sie will das hier skizzierte Programm, das sie als das forschungsleitende Motiv der Medien- und Kulturwissenschaft erkennt, entfalten. Sie will dagegen keineswegs die Gesamtheit der Medien- und Kulturwissenschaft in ihrer ganzen Reichhaltigkeit vertreten und auch nicht der Fachdiskussion in aller Vielfalt und Weite als Forum zur Verfügung stehen; das wäre die Aufgabe eines anderen Zeitschriftentyps.
Diese Forschungsorientierung, die auf den Fächerkanon und die wissenschaftlichen Herkünfte der Beiträger keine Rücksicht nimmt und die eingeführten Gegenstände immer wieder in Frage stellt und ihnen andere hinzufügt, verdankt sich einer engen Anbindung an das Forschungsprojekt des »Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie« (IKKM), das die Bauhaus-Universität Weimar mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderinitiative »Internationale Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung« betreibt. Die Zusammenwirkung zwischen der Redaktion, dem IKKM und dem Felix Meiner-Verlag, ohne die die ZMK nicht möglich wäre, betrifft personelle, institutionelle und wirtschaftliche Ebenen, vor allem aber eben die dezidierte inhaltliche Schwerpunktsetzung. Die Einrichtung des Themas, das in einem Heft jeweils mit Spezialbeiträgen vertieft wird, erfolgt in engem Zusammenhang mit den Forschungsarbeiten des IKKM. So wird diesen Arbeiten Aufmerksamkeit zu Teil und sie werden zugleich unter Fachkritik und die Aufsicht der Fachöffentlichkeit gestellt. In einem »Archiv«-Teil werden zudem schwer zugängliche oder verdrängte, auch ältere Texte erneut für die Fachdiskussion zugänglich gemacht. In dem allgemeinen Teil der ZMK finden hervorragende Texte von breiterem Anspruch Eingang, deren Diskussion die Entwicklung des eingeschlagenen Forschungswegs – auch im Wege der Provokation und der Kritik – zu fördern verspricht.
Die Herausgeber bedanken sich bei den fördernden Institutionen, namentlich beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, beim Kultusministerium des Freistaats Thüringen und bei der Bauhaus-Universität. Besonderer Dank gilt dem Felix Meiner-Verlag Hamburg, der sich auf das publizistische und epistemische Wagnis in großartiger Kooperationsbereitschaft eingelassen hat. Und sie bedanken sich schon jetzt und vor allem bei ihrem Fach- und Lesepublikum, dem allein das Urteil über das Gelingen des Unternehmens zusteht.
Weimar, Mai 2009
Die Herausgeber
Diese Seite / | Impressum