Odyssee und Nahverkehr
»Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.«
Friedrich Nietzsche
Natürlich Nietzsche. In seinem Fall war es eine Schreibmaschine, eine Malling-Hansen-Schreibkugel, die mit ihm feststellte, dass Schreibgeräte das Schreiben nicht nur ermöglichen, sondern es entscheidend bedingen; dass sich diese in die Schreibenden einschreiben und gemeinsam mit ihnen Gedanken zu Papier bringen. Doch wie sieht es mit anderen Utensilien aus, die mal mehr, mal weniger direkt am Schreibakt beteiligt sind? Was denken Tische, Taschen, Kaffeetassen – und an welchen Koordinaten des Schreibprozesses tauchen sie auf, um Gedanken in ‚richtige‘ Richtungen zu lenken und sichtbar zu machen?
Odyssee und Nahverkehr ist eine filmische Expedition durch Zimmer, die mit uns denken. Fünfundzwanzig GeisteswissenschaftlerInnen berichten aus den Zentren ihrer akademischen und zugleich privaten Sphären: vom heimischen Arbeitsplatz. Um ihre Schreibtische herum reflektieren sie über persönliche Bewegungen, Arbeitsabläufe, Gegenwarten und Geschichten räumlicher und zeitlicher Ordnungen; über Standorte und Stationen von Schreibzeug, Büchern, Ordnern, Notizzetteln; über Schreibtechniken und das Selbst, Selbsttechniken, Selbstsorge; über richtige und falsche Gesten, den falschen und richtigen Ton; über erfolgloses Wachsein und produktive Schlafphasen, Zufall und Experiment, Schreiben und Verwalten, Programme und Programmierung; über Lebensformen und Lebensformate; über Kontrolle und Chaos, Erinnern und Vergessen, Speichern und Löschen, Archiv und Papierkorb; über bewusstes Erzeugen von Lücken und bitteren Verlust; über Systeme, die suggerieren, dass man die Wege des Wissens kartografieren und mit einem überschaubaren Fahrplan rechtzeitig an ein Ziel gelangen kann, und über solche, die wissen, dass es sich bei Reisen zwischen den Schichten des Schreibtisches um ein niemals endendes Anwachsen von Texten, um eine Sisyphos-Arbeit handelt.
Hinter all diesem Schaffen, das nicht nur als persönliche Angelegenheit, sondern historisch unter dem Aspekt der Entwicklung von Kulturtechniken gesehen werden kann, schimmert immerzu die Spannung zwischen Fülle und Leere, zwischen vollen und entleerten Konstellationen hervor. In ihnen werden unabhängig vom theoretischen Gegenstand widersprüchliche Wünsche sichtbar: erstens, im Zusammenführen von Materialien Effekte zu erzeugen, die zu neuer Erkenntnis verhelfen; zweitens, das Begehren, dass durch neue Anordnungen neue Schreibweisen und Lebensformen entstehen könnten, die so gar nichts mit Wissenschaft zu tun haben; und drittens, der Traum, durch Reduktionen einen paradiesischen Zustand herzustellen, in welchem all das Schreiben und Denken von Schreibenden und Schreibgeräten letztlich überflüssig wird.
Der Film steht in einem engen Verhältnis zum doppelten Forschungsprogramm des IKKM. Auf der einen Seite beobachtet er verschiedene Kulturtechniken geisteswissenschaftlichen Arbeitens und macht sie vergleich- und lesbar. Auf der anderen Seite lässt sich der Film als ein Test der medienphilosophischen Grundannahme verstehen, der zufolge unsere Wissensgenerierung fundamental von ihren Medien abhängt. Das gilt für das Wissen der Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie selbst natürlich auch. So lässt sich hier beobachten, wie derartiges Wissen in filmischer Form produziert werden kann.
Download des Plakates in Druckauflösung