FELLOW
Eva Geulen
Fellow von Oktober 2009 bis April 2010
Email: egeulen [at] uni-bonn.de
Email: egeulen [at] uni-bonn.de
Eva Geulen ist seit 2003 Universitätsprofessorin für Neuere deutsche Literatur am Germanistischen Seminar der Universität Bonn. Zuvor war sie an verschiedenen amerikanischen Universitäten tätig und war in diesem Rahmen Gründungsmitglied und Co-Director des Interdisziplinären Forschungsprogramms »Poetics and Theory« an der New York University.Sie forscht zu Deutscher Literatur vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, Literaturtheorie und philosophischer Ästhetik seit dem 18. Jahrhundert. Momentan und im Rahmen des IKKM beschäftigt Eva Geulen sich hauptsächlich mit der Erziehung um 1800 und 1900 als fundamentaler Kulturtechnik. Wichtige Publikationen: Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel. Frankfurt/M. 2002/ The End of Art. Readings in a Rumor after Hegel. Stanford California 2006; Worthörig wider Willen. Darstellungsproblematik und Sprachreflexion bei Adalbert Stifter. München 1992.
Lange ridikülisiert, beginnt Goethes Metamorphosenlehre nach der Jahrhundertwende in zahlreichen Kontexten nachgerade zu wuchern: bei Kulturwissenschaftlern wie Cassirer und Simmel, in der idealistischen Biologie Friedmanns, bei Lebensphilosophen wie Spengler und Klages, unter Kunst und Literaturwissenschaftlern wie Woninger, Wölfflin, WalzeI, Jolles, Günther Müller und bei Schriftstellern wie Rilke, Einstein, Benn, Bense und Kafka. Die Rezeptionsgeschichte (Mandelkow, Lichtenstern, Simonis) hat das zwar umfassend aufgearbeitet, sich in ihrer Deutung des Phänomens jedoch sehr einseitig auf die kompensatorische Leistung von Goethes vermeintlich ganzheitlich-vormodernem Ansatz für die krisengeschüttelte Moderne bezogen. Dieses zu korrigierende Bild konnte sich auch deshalb verfestigen, weil man der Herausforderung auswich, vor die sich das Projekt einer Rekonstruktion der Metamorphosen der Metamorphose sozusagen a priori gestellt sieht: denn als Erklärungsversuch der Bildung und Umbildung ist Metamorphose seit Ovid der Name und gleichsam unvordenkliche Prototyp aller möglichen Varietäten von Verwandlung, einschließlich solcher, die Rezeptionsgeschichten interessieren. Mitbedacht wurde die damit implizierte Übergängigkeit von Objekt- und Metaebene aber von Autoren wie Cassirer, dessen Philosophie der symbolischen Formen ohne den Metamorphosenbegriff nicht denkbar ist, oder Blumenberg, bei dem sie als Pseudomorphose und Umbesetzung wiederkehrt. Von hier aus führen Wege zu Luhmann und anderen Theoretikern des späten 20. Jahrhunderts. In ihrer Anverwandlung des Verwandlungstheorems entwerfen diese und andere Autoren
implizit Theorien kulturellen Wandels mit. Damit kehren sie zu einem Problem zurück, das bereits bei Goethe selbst angelegt ist, aber bisher verstellt blieb, weil sich die Forschung zu sehr auf Goethes private Topik verlassen hat (,gegenständliches Anschauen', ,exake sinnliche Phantasie', ,zarte Empirie', Steigerung, Polarität, Systole und Diastole etc). Sinnvoller erscheint es dagegen, die Metamophosenlehre und das morphologische Projekt im Kontext der Form (einschließlich ihrer institutionellen, politischen und medialen Voraussetzungen) zu rekonstruieren, die Goethe ihr in den ab J8J7 erscheinenden Heften zur Morphologie gab, um vor diesem Hintergrund die Rezeptionsgeschichte etwas gegen den Strich zu bürsten. Sollte sich dann die These erhärten lassen, dass wir in Sachen, geprägter Gestalt, die lebend sich erneurt,' tatsächlich noch nicht modern gewesen sind, ist nach den Konsequenzen zu fragen, die das für den Begriff der Moderne und insbesondere die Geschichte der Theoriebildung zwischen dem Beginn des 20. Jahrhundert und der Gegenwart haben könnte.
Forschungsprojekt am IKKM
Goethes Morphologie und ihre Rezeption im 20. JahrhundertLange ridikülisiert, beginnt Goethes Metamorphosenlehre nach der Jahrhundertwende in zahlreichen Kontexten nachgerade zu wuchern: bei Kulturwissenschaftlern wie Cassirer und Simmel, in der idealistischen Biologie Friedmanns, bei Lebensphilosophen wie Spengler und Klages, unter Kunst und Literaturwissenschaftlern wie Woninger, Wölfflin, WalzeI, Jolles, Günther Müller und bei Schriftstellern wie Rilke, Einstein, Benn, Bense und Kafka. Die Rezeptionsgeschichte (Mandelkow, Lichtenstern, Simonis) hat das zwar umfassend aufgearbeitet, sich in ihrer Deutung des Phänomens jedoch sehr einseitig auf die kompensatorische Leistung von Goethes vermeintlich ganzheitlich-vormodernem Ansatz für die krisengeschüttelte Moderne bezogen. Dieses zu korrigierende Bild konnte sich auch deshalb verfestigen, weil man der Herausforderung auswich, vor die sich das Projekt einer Rekonstruktion der Metamorphosen der Metamorphose sozusagen a priori gestellt sieht: denn als Erklärungsversuch der Bildung und Umbildung ist Metamorphose seit Ovid der Name und gleichsam unvordenkliche Prototyp aller möglichen Varietäten von Verwandlung, einschließlich solcher, die Rezeptionsgeschichten interessieren. Mitbedacht wurde die damit implizierte Übergängigkeit von Objekt- und Metaebene aber von Autoren wie Cassirer, dessen Philosophie der symbolischen Formen ohne den Metamorphosenbegriff nicht denkbar ist, oder Blumenberg, bei dem sie als Pseudomorphose und Umbesetzung wiederkehrt. Von hier aus führen Wege zu Luhmann und anderen Theoretikern des späten 20. Jahrhunderts. In ihrer Anverwandlung des Verwandlungstheorems entwerfen diese und andere Autoren
implizit Theorien kulturellen Wandels mit. Damit kehren sie zu einem Problem zurück, das bereits bei Goethe selbst angelegt ist, aber bisher verstellt blieb, weil sich die Forschung zu sehr auf Goethes private Topik verlassen hat (,gegenständliches Anschauen', ,exake sinnliche Phantasie', ,zarte Empirie', Steigerung, Polarität, Systole und Diastole etc). Sinnvoller erscheint es dagegen, die Metamophosenlehre und das morphologische Projekt im Kontext der Form (einschließlich ihrer institutionellen, politischen und medialen Voraussetzungen) zu rekonstruieren, die Goethe ihr in den ab J8J7 erscheinenden Heften zur Morphologie gab, um vor diesem Hintergrund die Rezeptionsgeschichte etwas gegen den Strich zu bürsten. Sollte sich dann die These erhärten lassen, dass wir in Sachen, geprägter Gestalt, die lebend sich erneurt,' tatsächlich noch nicht modern gewesen sind, ist nach den Konsequenzen zu fragen, die das für den Begriff der Moderne und insbesondere die Geschichte der Theoriebildung zwischen dem Beginn des 20. Jahrhundert und der Gegenwart haben könnte.