SENIOR FELLOW
Erhard Schüttpelz
Senior Fellow von Oktober 2008 - März 2009
Jahrgang 1961. Studium der Germanistik, Anglistik und Ethnologie in Hannover, Exeter, Bonn, Oxford und Köln; Promotion 1994 in Bonn; 1994/95 Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Columbia University, New York; 1996-98 Postdoktorand am Graduiertenkolleg 'Theorie der Literatur und Kommunikation' an der Universität Konstanz; 1999-2003 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungskolleg/SFB 'Medien und kulturelle Kommunikation' der Universitäten Köln, Bonn und Aachen; 2003 Habilitation an der Universität Konstanz; 2003-2005 Wissenschaftlicher Koordinator der Forschungsstelle 'Kulturtheorie und Theorie des politischen Imaginären' an der Universität Konstanz; 2005 Forschungsaufenthalt am IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften) in Wien; seit 2005 Professor (W3) für Medientheorie an der Universität Siegen.
›Postkoloniale‹ Literatur- und Mediengeschichte der globalisierten Moderne (Habilitationsschrift, Konstanz 2003: Die Moderne im Spiegel des Primitiven); Wissenschaftsgeschichte der Medientheorie und Ethnologie (als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB/FK ›Medien und kulturelle Kommunikation‹); Sprach- und Medientheorie der Rhetorik (Dissertation, Bonn 1994: Figuren der Rede. Zur Theorie der rhetorischen Figur); seit 2003 Arbeit an einem Lehrbuch der Medienanthropologie aus dem Vergleich verschiedener Kulturtechniken (Körpertechniken, Ritualtechniken, mediale Techniken), Theoriebildungen (Medienethnologie, Actor Network Theory, Globalisierungsgeschichte) und Methoden der Medienforschung (insbesondere ethnographischen und historischen).
Das Forschungsprojekt am IKKM beschäftigt sich mit dem »kalten« Bereich der Kulturtechniken, das heißt solchen Techniken, für die eine technische Fortschrittsgeschichte oder eine Geschichte der stetigen Akkumulation nicht geschrieben werden kann und im kulturellen Vergleich ihre Gültigkeit verliert. Das Projekt wird sich daher zum einen solchen Techniken widmen, für die eine akkumulierende Geschichte zugunsten einer Geschichte regellos genauer Kontingenz zurücktritt: Körpertechniken, Ritualtechniken, Trancetechniken, und mit ihnen verwandte. Zum anderen soll der »kalte« Bereich durch eine theoretische Hinsicht entfaltet werden, die auf eine Revision gängiger anthropologischer Vorannahmen hinausläuft. Der Spielraum der »kalten« Kontingenz wird oft als kleiner oder als homogener oder als weniger arbiträr eingestuft, was dann auf eine anthropologische (oder auch auf eine biologisch fundierte) Homogenisierung hinausläuft. Experten des Kulturvergleichs hingegen neigen in ihrer wissenschaftlichen Praxis zur heuristischen Auffassung, der Spielraum der »kalten« Kontingenz sei größer – oder anders gesagt: arbiträrer – als der »akkumulierender« Techniken. Diese Auffassung hat auch das historische Argument für sich, daß eine »akkumulierende« Geschichte mit einer gewissen Notwendigkeit Pfadabhängigkeiten erzeugt, die den Spielraum späterer Entscheidungen einschränken – während die »kalten« Techniken (wie bereits Lévi-Strauss formulierte) immer wieder mit der gleichen kreativen Wucht auftreten, die zwischen jahrhundertelanger Verfeinerung und schnellem Vergessen schwankt. (So sind etwa die Höhlenmalereien von Lascaux, die einer älteren Vorgeschichtsauffassung als Beweis für eine Evolutions-Stufe der europäischen und der weltweiten Kreativität galten, nachweislich ohne Vorläufer und ohne Nachfahren gewesen, d. h. sie haben für die neuere Prähistorie keinen Platz in einer akkumulierenden Geschichte und in einer europäischen oder weltweiten Evolution der Kunst, sondern sind ein eklatanter Beweis für die Kreativität des »kalten« Bereichs der Visualisierungstechniken.) Diese Überlegungen sollen im Rahmen einer medientheoretischen Frage entfaltet werden: Wie lässt sich das Verhältnis von »heißen« (akkumulierenden) und »kalten« (nicht-akkumulierenden) Techniken fassen, und – so eine mögliche Konsequenz – ist ein Großteil dessen, was wir »Medien« nennen, am Ende weniger aus akkumulierenden Erfindungen, als aus Kompromissen zwischen den beiden Technikbereichen hervorgegangen?
Forschungsschwerpunkte
›Postkoloniale‹ Literatur- und Mediengeschichte der globalisierten Moderne (Habilitationsschrift, Konstanz 2003: Die Moderne im Spiegel des Primitiven); Wissenschaftsgeschichte der Medientheorie und Ethnologie (als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB/FK ›Medien und kulturelle Kommunikation‹); Sprach- und Medientheorie der Rhetorik (Dissertation, Bonn 1994: Figuren der Rede. Zur Theorie der rhetorischen Figur); seit 2003 Arbeit an einem Lehrbuch der Medienanthropologie aus dem Vergleich verschiedener Kulturtechniken (Körpertechniken, Ritualtechniken, mediale Techniken), Theoriebildungen (Medienethnologie, Actor Network Theory, Globalisierungsgeschichte) und Methoden der Medienforschung (insbesondere ethnographischen und historischen).Forschungsprojekt am IKKM
»Kalte Kulturtechniken«Das Forschungsprojekt am IKKM beschäftigt sich mit dem »kalten« Bereich der Kulturtechniken, das heißt solchen Techniken, für die eine technische Fortschrittsgeschichte oder eine Geschichte der stetigen Akkumulation nicht geschrieben werden kann und im kulturellen Vergleich ihre Gültigkeit verliert. Das Projekt wird sich daher zum einen solchen Techniken widmen, für die eine akkumulierende Geschichte zugunsten einer Geschichte regellos genauer Kontingenz zurücktritt: Körpertechniken, Ritualtechniken, Trancetechniken, und mit ihnen verwandte. Zum anderen soll der »kalte« Bereich durch eine theoretische Hinsicht entfaltet werden, die auf eine Revision gängiger anthropologischer Vorannahmen hinausläuft. Der Spielraum der »kalten« Kontingenz wird oft als kleiner oder als homogener oder als weniger arbiträr eingestuft, was dann auf eine anthropologische (oder auch auf eine biologisch fundierte) Homogenisierung hinausläuft. Experten des Kulturvergleichs hingegen neigen in ihrer wissenschaftlichen Praxis zur heuristischen Auffassung, der Spielraum der »kalten« Kontingenz sei größer – oder anders gesagt: arbiträrer – als der »akkumulierender« Techniken. Diese Auffassung hat auch das historische Argument für sich, daß eine »akkumulierende« Geschichte mit einer gewissen Notwendigkeit Pfadabhängigkeiten erzeugt, die den Spielraum späterer Entscheidungen einschränken – während die »kalten« Techniken (wie bereits Lévi-Strauss formulierte) immer wieder mit der gleichen kreativen Wucht auftreten, die zwischen jahrhundertelanger Verfeinerung und schnellem Vergessen schwankt. (So sind etwa die Höhlenmalereien von Lascaux, die einer älteren Vorgeschichtsauffassung als Beweis für eine Evolutions-Stufe der europäischen und der weltweiten Kreativität galten, nachweislich ohne Vorläufer und ohne Nachfahren gewesen, d. h. sie haben für die neuere Prähistorie keinen Platz in einer akkumulierenden Geschichte und in einer europäischen oder weltweiten Evolution der Kunst, sondern sind ein eklatanter Beweis für die Kreativität des »kalten« Bereichs der Visualisierungstechniken.) Diese Überlegungen sollen im Rahmen einer medientheoretischen Frage entfaltet werden: Wie lässt sich das Verhältnis von »heißen« (akkumulierenden) und »kalten« (nicht-akkumulierenden) Techniken fassen, und – so eine mögliche Konsequenz – ist ein Großteil dessen, was wir »Medien« nennen, am Ende weniger aus akkumulierenden Erfindungen, als aus Kompromissen zwischen den beiden Technikbereichen hervorgegangen?