6. 2013/14 Historisierung – Verfertigung der Vergangenheit
Es liegt auf der Hand, dass unter den Voraussetzungen einer Theorie der Operationsketten, der Vernetzung und der verteilten Agency die Frage aufs neue zu stellen ist, wie, wo und von wem unter diesen Prämissen Geschichte geschrieben wird, zumal wenn Historisierung selbst zu den Operationen gehört, die verschiedene Akteure in ein Handlungsnetz und damit ein kulturelles Sinnsystem einflechten. Ein Forschungsdesiderat, das an dieser Stelle sichtbar wird, ist die Rolle der Historisierung in Patentschriften und überhaupt die Geschichte der Patentrechtspraktiken und ihrer agonalen Strategien. Dabei soll auch das Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis neu überdacht werden.Werden Agenturen handlungsfähig nur auf der Basis der Fabrikation von Gleichzeitigkeit, so können sie (selbst-)reflexionsfähig und mithin in einem engeren Sinne intelligent nur werden auf der Basis auch zeitlicher Rückwendung, also durch die Erzeugung von Vergangenheit. Harold Innis hat versucht die historische Stabilität großer transnationaler hegemonialer Kulturen auf ein Gleichgewicht raumbeherrschender und zeitbeherrschender Kulturtechniken zurückzuführen; ein Ansatz an den auch die heutige Kulturtechnikforschung, wenn auch krtisch reflektiert, anschließt. Agenturen müssen Gedächtnisse ausbilden, wollen sie sowohl in der Zeit stabil als auch variabel und evolutionsfähig – und das heißt: als Ganzes handlungsmächtig – bleiben. Die beiden dafür zentralen Operationen in gemischten Ensembles sind die Speicherung und die Wiederholung. Beide Operationen sind zudem erstens eminent medienrelevant und zweitens Paradebeispiele für die dingliche Externalisierung traditionell dem menschlichen Subjekt und seinem angenommenen internen Bewußtsein vorbehaltenen Leistungen durch technische Apparaturen. Auch und besonders in diesem Themenfeld ist eine Neuorientierung zu erwarten, wenn man, statt von Subjekt-/Objekt-Scheidungen oder von einem Gegensatz zwischen Materialität und Immaterialität von einer wechselseitigen Einbindung, einer Verstrickung der Intelligenz quer zu heterogenen Agenten ausgeht.
Entscheidend können auch hier – etwa im Hinblick auf die Forschungen Assmanns, aber auch erneut Gells und jüngst Gieseckes – Untersuchungen zu frühen und außereuropäischen Kulturen und Praktiken den Blick weiten. Die bereits in großem Umfang geleisteten Arbeiten zur Bild- und Schriftgeschichte können in die Formulierung eines Konzepts »verteilter Gedächtnisse« einbezogen werden. In der allgemeinen Medienwissenschaft haben Arbeiten zur Speicher- und Aufzeichnungsfunktion technischer Medien ohnehin höchsten Stellenwert. Etwa ergibt sich wieder ein enger Bezug des Ansatzes der handelnden Denkfelder auf die Thesen der franz. »Médiologie« (Regis Débray, Daniel Bougnoux, Louise Merzeau). In der Annahme eines – dem Paradigma der »Agentur« durchaus vergleichbaren – technisch-sozial-semiotischen Komplexes, den die Medien installierten, unterscheidet die »Médiologie« die räumliche Verbreitung von Informationen (»communication«) von ihrer Weitergabe in der Zeit (»transmission«; »Sendung«, »Übertragung«). In den Dialog dieser Ansätze einzubeziehen wäre die von Deleuze vorgenommene Bezugnahme der Gedächtnisphilosophie Bergsons auf den Film und die Qualifizierung des Films als Bildgedächtnis. Denn auch sie unterscheidet sich deutlich von der Idee des (technischen, materiellen) Speichers, indem sie auf eine operationale Perspektive umschaltet. Die Rückblenden des klassischen Films und die modernen »Erinnerungsbilder« etwa sind nicht über die Speicherfunktion erklärbar, sondern operational und prozessual; das Filmbild selbst fungiert als Agentur der Erinnerung.
Unabdingbarer Dialogpartner ist auch die Theorie des prozessualen Gedächtnisses sozialer Systeme, wie sie von Niklas Luhmann und herausgehoben von Elena Esposito entwickelt worden ist. Wie in den Theorien kultureller und kollektiver Gedächtnisse und in der Medientheorie des Gedächtnisses wird auch hier eine überindividuelle, jenseits des Subjektes operierende Erinnerungsleistung angenommen. Und den Annahmen einer Philosophie der Wiederholung folgend, handelt es sich in systemtheoretischer Sicht um ein operationales Gedächtnis, das also ohne Voraussetzung von Speicherung oder Aufzeichnung jedweder Art funktioniert. Im Kern basiert es auf der Leitunterscheidung von Redundanz und Information, nach der das System jedes eintreffende Ereignis qualifiziert. Diese sehr elaborierte Theorie wäre im Gespräch der Ansätze jedoch auf nicht-menschliche Kollektive, auf das Zusammenspiel von sozialem und technischem (sowie semiotischem) System zu erweitern. Zudem ist die Philosophie der Wiederholung (Deleuze; Derrida) in diesem Kontext zu bedenken.
Ein verbindendes phänomenales Widerlager könnte eine solche Diskussion in der Befassung mit der Wiederholungstätigkeit des Fernsehens finden und hier wiederum verstärkt mit den Strukturen der Serialität. Auch an die Selbsthistorisierungsfunktion des Fernsehens ist zu denken, das in nicht endenden Wiederholungs- und Rückblickszyklen die Vergangenheit seiner eigenen Bilder in Bilder fasst und mit den Bildern und Selbstbildern von Zuschauern verstrickt. Untersuchungen anderer Gedächtnispraktiken wären hinzuzuziehen. Dabei könnte besonders die Photographie interessant sein, weil sie von der traditionelleren Speicher- und Externalisierungsfunktion (das Photoalbum) im Zuge der Digitalisierung mehr und mehr operationalisiert wird: allein schon die ungeheuer gesteigerte Menge verfügbarer Photographien, mehr noch ihre Verarbeitungs- und Zirkulationsfähigkeit sorgt dafür. Digitale Bilder unterlaufen so auch tendenziell die Unterscheidung in Speicher- und Prozessgedächtnis; sie binden beide in einer Agentur zusammen.
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