5. 2012/13 Synchronisierung – Verfertigung der Gegenwart

Aus der Befassung mit der Singularität im Raum erwächst die komplementäre Frage nach der Singularität in der Zeit – das wäre: das Ereignis – und namentlich nach der Koordination der Ereignisse, nach der Synchronisierung. Damit in gemischten Ensembles überhaupt so etwas wie Handlung auftreten kann, müssen die daran beteiligten Akteure sich notwendiger Weise in zeitlicher Hinsicht aufeinander beziehen: kein Weg führt an Synchronisierungen vorbei. Die Praktiken des Fernsehens etwa bei der programmlichen Datierung von Bildereignissen und v.a. bei der »Live«-Übertragung bilden hier einen aufschlussreichen Ausgangspunkt. Weltweit übertragene Fernsehereignisse erbringen eine mehrfache Synchronisierungsleistung; sie koppeln erstens das (»Außen«-)Ereignis an den Rezeptionszeitpunkt, zweitens die Vielzahl der Rezeptionszeitpunkte untereinander und drittens den Ausstrahlungszeitpunkt an andere (etwa: parallel laufende) datierte Fernsehereignisse. Schließlich werden Fernsehzeitpunkte mit Datierungen anderen Typs synchronisiert.

Das Fernsehen begnügt sich aber nicht damit, diese Synchronisierungen zu erbringen, es repräsentiert und reflektiert sie vielmehr, macht sie wahrnehmbar und unterwirft sie damit rekursiver Kontrolle. Andere Synchronisierungsmedien geraten von hier aus leicht in den Blick, von der Normalzeit- und der Funkuhr bis zum Mobiltelephon. Sie sind als Agenten zeitlicher Koordination, aber insbesondere als Medien der Sichtbarmachung und Repräsentation von Gleichzeitigkeit zu untersuchen. Die anlass- und zwecklosen, auf das Mobiltelephon gestützten »flash mobs« mögen dafür ein Beispiel sein; sie sind als Realereignisse Kommunikation und Aktualisierung des Synchronisationspotentials zwischen Kommunikation und Realereignis.

Dieser Prozeß der Synchronisation firmiert auch als »Echtzeit«. Damit ist die Öffnung eines zeitlichen Fensters gemeint, in dem Information mitgeteilt, aufbereitet, eventuell visualisiert wird und das während dessen eine Intervention in den kommunizierten Prozess erlaubt. Kommunikation und Kommuniziertes werden im Rahmen des Echtzeitfensters ununterscheidbar. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren diese Echtzeitfenster an singuläre Orte gebunden, die als militärische Operationszentren oder Regierungszentralen hochspezialisierte Medieneinrichtungen und streng geheim waren. Sie tendieren nun dazu, sich von einer auf sie spezialisierten ortsfesten Infrastruktur zu lösen. Stattdessen werden sie zu »Hüllen«, in denen sich das Individuum mehr und mehr bewegt. Das moderne Medien-Habitat ist also keineswegs als eine bloße Kategorie des Ortes (des räumlich gestalteten Milieus) zu verstehen. Es wird vielmehr als Handlungskategorie wirksam, die von einer spezifischen Raum-Zeitlichkeit bestimmt ist.

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