3. 2010/11 Semiose – Verfertigung der Zeichen

Statt von Subjekten und Objekten geht die hier zu erarbeitende Theoriebildung von einer verteilten und rekursiv geschalteten Agenz aus, die eine ontologische Stufenleiter ausbildet. Mit diesem Denkansatz wird die kategoriale Unterscheidung zwischen Zeichen und Dingen aufgehoben, wie sie das Denken der klassischen episteme vom 17. bis zum 19. Jahrhundert geprägt hat. Zeichen und Dinge sind nicht länger durch den cartesischen Hiatus voneinander getrennt. Eine Neubestimmung des Zeichenbegriffs in einem medientheoretischen Rahmen ist deshalb ein aktuelles Forschungsdesiderat (Krämer im Anschluss an Derrida; Walther; Winkler; vgl. a. Franz/Schäffner/Siegert/Stockhammer 2007). Sie kann an Charles S. Peirce anschließen, dessen Zeichentypen zugleich ontologischen Kategorien entsprechen. Eine Diskussion der »Agency«-Theorie mit Positionen der Semiotik und der Medienästhetik kann die feingliederigen Ausdifferenzierungen nutzen, die die Peircesche Semiotik anführt. Ähnlich gibt es auch bei Latour keine Gegenüberstellung mehr von Zeichen und Referent, sondern Serien von hybriden Kopplungen von Dingen, die mediale Operationen leisten (filtern, ordnen, speichern, übertragen, verarbeiten usw.), die wiederum unterschiedliche Zeichentypen hervorbringen: dreidimensionale Dinge, die signifikante Effekte zeitigen, objekthafte »Zeigzeugen«, zweidimensionale diagrammatische und eindimensionale grammatische Zeichen.

In den materiellen Dingen und Artefakten einerseits und den menschlichen Agenten andererseits werden Zeichen als Agenten sozialen, politischen, ästhetischen und kognitiven Tuns (kurzum: kultureller Praxis) eigenen Rechts wirksam. Gerade auf die Zeichen trifft zu, dass sie stets Agenten in Agenturzusammenhängen gemischter Ensembles sind wie zugleich auch selbst Agenturen, die heterogene Agenten vernetzen. Deshalb ist als eine dritte Operation medialer Ensembles auf die Semiose einzugehen. Schon die Begründer der Actor-Network-Theory verstanden diese als »semiotics of materiality« (Law). Die Relationalität der Entitäten wurde als semiotische Relationalität verstanden. Insofern das Sein selbst relational ist (Serres), ist es ein semiotisches Sein. Auch bei Gell nehmen Zeichen – wenngleich zeichentheoretisch nur oberflächlich reflektiert – einen zentralen Funktionsplatz ein. Zeichen können, über den Objektbezug, Agenten/Patienten und Agenturen repräsentieren. So geht z.B. der Film im Zuge seiner Evolution dazu über, sich selbst als Zeichen zu repräsentieren und zu reflektieren. Auch die »Reality« des »Realitätsfernsehens« besteht immer aus einer Agentur, in der das Fernsehbild selbst als Zeichen rekursiv bereits enthalten ist und in der es wirksame Agency entfaltet. Zugleich repräsentiert und reflektiert es diese Wirkungsmacht und übt somit mediale Funktion aus.
 
Dabei scheint dem Typus des indexikalischen Zeichens eine Sonderfunktion zuzukommen. Nur der Index als ein (kausaler) Nexus löst, so Peirce, eine zwingende Verbindung von Zeichen und außersemiotischem Objekt aus; schon deshalb gehört ihm in gemischten Ensembles besondere Aufmerksamkeit. Aufschlußreich ist, dass Gell das Kunstwerk als einen Agency reflektierenden Gegenstand im Rahmen des Peirceschen Index-Begriffs fasst; wie auch Bense das Kunstwerk bzw. den ästhetischen Zustand artifizieller Objekte als eine indexikalische Kategorie im Peirceschen Schema zu begründen versucht hat. Nicht zufällig und daher auch nicht unbeachtlich ist schließlich, dass die indexikalische Funktion immer wieder zur Charakterisierung des Typus der analogen technischen Bilder (Photographie, Film) herangezogen wurde (z.B. bei Barthes, bei Bazin; auch wäre hier an die erkenntnisleitende Funktion des Indexes im klassischen Kino zu denken). Anhaltspunkte für eine komplexere Modellierung lassen sich finden, wenn man Zeichen als Agenten im Rahmen gemischter medialer Ensembles betrachtet, in denen sie, wie hier angenommen, als »Knoten« und »Maschen« besonderen Typs operieren.

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