2. 2009/10 Referenzialisierung und Ontogenese – Verfertigung der Dinge

Die Akteur-Netzwerk-Theorie ist ebenso eine medienontologische wie eine medienanthropologische Theorie (oder keins von beiden): Sie macht z. B. unter anderem Aussagen über die Art und Weise, wie Referenten als wissenschaftliche oder soziale Tatsachen dadurch konstituiert werden, dass sie referenzialisiert, das heißt in materiale Zeichenbezüge eingebaut werden. Referenzialisieren heißt hier immer eine mehr oder weniger labyrinthische Folge von Akten: unterscheiden, filtern, markieren, kodieren, aufzeichnen, transportieren, übersetzen usw., wobei jeder dieser Akte wiederum auf das Ergebnis eines Teils der Operationskette angewendet werden kann. Der Referent ist also nicht etwas, das ontologisch den medialen Praktiken der Repräsentation vorhergeht, im Gegenteil: der Referent wird durch Referenz hervorgebracht und Referenz besteht aus einer Kette von Operationen, in welche wiederum menschliche und nichtmenschliche Akteure verstrickt sind. Während man »Schrift« als eine Form von Repräsentation auffassen kann, so muss man »Schreiben« als eine Praxis auffassen, die ein Netzwerk darstellt, in dem diejenigen, die schreiben und das, was aufgeschrieben wird, hervorgebracht werden.

Was in der deutschsprachigen Diskussion um Kulturtechniken und Bildmedien sich erst verhalten andeutet, ist in der französischen und amerikanischen Technikanthropologie bereits in verschiedenen Varianten erprobt worden: die praktische und historische Priorität der Operationsketten vor den durch sie erzeugten epistemischen Dingen oder ganz allgemein: Referenten. Auf diese Weise können WissenschaftshistorikerInnen und TechniksoziologInnen die Ontogenesen nachbuchstabieren, die alltäglich in den Experimentalsystemen der Wissenschaft stattfinden. Das Sein des Referenten ist von ganz ähnlicher Art wie das Sein der sozialen Bindung bei den Melanesiern: eine Art »hau« oder »mana« (Mauss). Referenz ist eine Eigenschaft dieser Operationskette in ihrer Gesamtheit.

Beispielhaft lässt sich das am Film als Medium der Verlebendigung oder Personifizierung von Dingen sehen. Er kann ebenso wie ein Experimentalsystem als handelndes Denkfeld angesehen werden, das es erlaubt, die Prozesse solcher Emergenz nachzuvollziehen. Das Ineinandergreifen, die Verstrickung oder Vermaschung menschlicher und nicht-menschlicher Akteure zu handlungs- und reflexionsfähigen Agenturen gehört zu den traditionsreichsten Topoi der Filmtheorie. Das beginnt mit der Arbeit und Funktionsweise der Filmkamera selbst als Maschine und als »mechanisches Auge« in der frühen Filmtheorie und -poetik. Die Kamera erscheint hier als Teil der Dingwelt und zugleich als Akteur eigener, als »verlängertes« Auge. Das Filmbild selbst repräsentiert folglich zugleich Objekt- und Subjektstatus der Beobachtung; eine Verschmelzung, die z.B. in der frühen französischen Filmtheorie als »Photogénie« beschrieben wird.

Ein transdisziplinärer Methodentransfer beginnt gerade erst zu erproben, in welcher Weise man analog zu den Experimentalsystemen der Naturwissenschaften nicht nur Labors, sondern kultische, technische oder künstlerische Artefakte als »Agenturen« beschreiben kann, ganz zu schweigen von Sozialtechniken oder »Geschichte«. Film, Kunst, Religion und Technik sind »handelnde Denkfelder«. In ihnen materialisiert sich das Soziale ebenso wie das Objekthafte oder Subjekthafte oder Bildhafte.


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