1. 2008/09 Hominisierung und Anthropotechniken – Verfertigung der Menschen
In einem ersten Schritt soll es darum gehen, wesentliche Positionen des neuen medienanthropologischen Paradigmas der Geistes- und Kulturwissenschaften auszuformulieren. Medienanthropologie geht davon aus, dass es nicht Den Menschen schlechthin gibt, sondern eine Vielzahl von Kulturtechniken der Hominisierung oder kurz: »Anthropotechniken« (Sloterdijk). Dadurch wird es unmöglich, an starren Grenzziehungen zwischen Mensch und Technik, Humanem und Nichthumanem, Kultur und Natur festzuhalten. Kulturtechniken werden stattdessen als Netzwerke verteilter Handlungsmacht beschrieben, in das gleichermaßen menschliche wie nichtmenschliche Agenten verstrickt sind, die sich in rekursiven Wechselwirkungen immer wieder hervorbringen. So konnte (um nur ein Beispiel zu geben) die Domestizierung von Tieren nur in der koevolutionären Domestizierung des Menschen geschehen. Die Errichtung einer Hürde, eines Gatters, die den Jäger zum Hirten werden lässt, führt nicht nur zu Domestizierung von Tierarten, sondern allererst zur Unterbrechung jener Mensch-Tier-Metamorphosen, von denen die paläolithischen Höhlenmalereien Zeugnis ablegen. Wenn es hier so etwas wie Wirkungen oder besser: Handlungsmacht gibt, dann geht sie von allen diesen drei Agenten aus: der Mensch wirkt mit dem Gatter auf das Tier ein, das Gatter positioniert Mensch und Tier zueinander und die Tiere fordern in dieser Positioniertheit ein bestimmtes Verhalten der Menschen, das wiederum nicht ohne das Gatter rechnen kann.Wenn es vor diesem Hintergrund darum gehen soll, Grundlagen zu diskutieren, aus denen Positionen und Grenzen einer zeitgenössischen Medienanthropologie hervorgehen könnten, so geschieht dies auf dem Boden einer materialen Epistemologie.
Mit Medien als relationalen (zeichenhaften) und materialen Mischgebilden mit Subjekt- und Objektanteilen sind in diesen Netzwerken nicht nur entscheidende Handlungsträger benannt, sondern sie bilden eben auch jene Orte und Instrumente aus, an denen sich die anthropotechnischen Prozesse zeigen und mit deren Hilfe sie sich beobachten und reflektieren (lassen). Beispielgebend gilt dies für das bewegte Bild. Es ist Produkt eines hoch komplexen, technisch, institutionell und individuell funktionalisierten Handlungsfeldes samt eigener Reflexionsinstanzen. Es fungiert anlässlich seiner Aufführung in einem davon verschiedenen, zweiten Ensemble, in dem Apparatur (Kino, Fernsehen usw.), ZuschauerInnen und weitere kulturelle Felder einbegriffen sind. Drittens repräsentiert und thematisiert es in charakteristischer Weise, ästhetisch und diegetisch, Agenz, Agenten und Agenturen, die es zugleich selbst erst hervorruft. Wenn die bewegten Bilder immer wieder menschliche und nichtmenschliche Agenten gegeneinander antreten lassen, so – auf Produktionsebene dieser Bilder – nur im untrennbaren Miteinander dieser Agenten. In bewegten Bildern wird die Vernetzung von menschlichen und nichtmenschlichen Agenten sichtbar, produziert und reflektiert.
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