Jahresthema 2011/12 Lokalisierung – Verfertigung der Orte
Das IKKM hat sich für jedes akademische Jahr ein spezifisches Forschungsthema gegeben. Im aktuellen, dritten Jahr widmet sich das IKKM der Erforschung des Verhätnisses von Dingen und Zeichen.
Agenturen sind begrenzt und bilden deshalb jeweils eigene Räume aus. Betrachtet man Agenturen als handelnde und denkende Felder, so müssen zudem die Akteure in diesen Feldern oder Räumen erstens definierte Orte beziehen und zweitens adressierbar sein. Die Orte und Adressen werden durch Operationen der Agentur erzeugt, die sich wiederum mit den Operationen der Akteure zu verändern vermag. Die Operation der Zuschreibung von Orten zu/an Akteure ist die Lokalisierung. Auch die Lokalisierung als Orts- und Adressenzuschreibung ist eine in mehrfacher Hinsicht indexikalische Operation. Im Anschluss an Michel Serres und (bei komplementärer Terminologie) Michel de Certeau ist dabei die Stellenzuschreibung von der Ortsbeschreibung jedoch zu unterscheiden. Die Stellenzuschreibung geschieht aus einer »globalen« (Serres) Perspektive, einer Überflug- oder Landkartenperspektive heraus, die neutrale, gleichförmige Raumstellen in einem Gefäßraum aus- und einzelnen Akteuren (Objekten, Menschen, Zeichen) zuweist. Die Ortsbeschreibung dagegen erfolgt immer aus einer »lokalen« Perspektive aus dem beschriebenen Raum selbst heraus und orientiert sich an Wegbeschreibungen. Der Ort ist deshalb eine Singularität im Raum, die durch den an dem Ort befindlichen und dort sowohl erreichbaren wie operablen Akteur definiert und durch den Weg dorthin beschrieben wird. Umgekehrt lässt sich deshalb festhalten, dass Akteure im Raum der »Agentur« die Singularität der Orte im Raum beobachtbar machen. In der Actor-Network-Theory sind derartige Bewegungen unter dem Begriff der Figuration (Latour) bereits beschrieben worden, ohne hier jedoch, etwa im Bezug auf ästhetische und zeichentheoretische Debatten, genau zu klären unter welchen Bedingungen, unter Anwesenheit welcher Akteure und mit welcher historischen Dauerhaftigkeit sich je konkrete Figurationen vollziehen.
Insofern bestimmte Medien Schauplätze eröffnen, kann man sie als theatrale Medien bezeichnen. Medialität in Bezug auf den Aspekt der Theatralität bezeichnet all die problematischen Prozesse des Plazierens, des Rahmens, des Situierens, anstatt den Prozeß der Repräsentation. Etwas einen Rahmen geben, eine Situation schaffen, konstituiert jeweils einen Ort. Die Formierung und Formulierung von Orten und Räumen im Film scheint auf diese Weise zu funktionieren (Einstellungsgrößen, Kamerabewegungen, akustische Lokalisierung). Singularisierung im Raum bildet auch die Grundlage der televisiven Bildübertragung. Schon Nipkows Definition des Fernsehens geht von zwei verschiedenen Orten aus, die jeweils durch Anwesenheit und Sichtbarkeit des Bildobjektes markiert sind. Im Anschluss daran lassen sich die Praktiken der Telephonie, der Positionierungs- und Navigationssysteme und schließlich der virtuellen Adressierung und der mobilen medialen Kommunikation neu überdenken. Dabei ist die Kopplung zwischen Global- und Lokalperspektive entscheidend, in der das Lokale und Singuläre nicht mehr als Subsumption, sondern eben als gemeinsame Agentur begriffen wird. Auch hier wird es hilfreich sein, den historischen Abstand zu nutzen und ältere, weniger beachtete Medienpraktiken – das Autoradio, den Seefunk – zum Ausgangspunkt zu nehmen. Lokalisierung und Adressierung innerhalb eines umfassenden Systems von Agenturen, das sich selbst mit jeder Singularität, die es produziert, wandelt, erscheinen dann nicht mehr als Gegenpol zur einer – nunmehr im doppelten Sinne –»globalen« Perspektive der Weltkommunikation. Ausgehend von diesem Ansatz wird es möglich, zu untersuchen, wie die Agency etwa des »globalen Marktes« (vgl. etwa Michael Callon) oder des Klimas hergestellt wird.
Die IKKM Jahresthemen
- 2008/09: Hominisierung und Humanoidisierung – Verfertigung der Menschen
- 2009/10: Referenzialisierung und Ontogenese – Verfertigung der Dinge
- 2010/11: Semiose: Verfertigung der Zeichen
- 2011/12: Lokalisierung: Verfertigung der Orte
- 2012/13: Synchronisierung: Verfertigung der Gegenwart
- 2013/14: Memorierung: Verfertigung der Vergangenheit