Blättern / Zapping. Die Kulturtechnik der Stellenlektüre seit dem 18. Jahrhundert
Dissertationsprojekt von Harun MayeDas Dissertationsprojekt untersucht die Kulturtechniken des „Blätterns“ und „Zappings“ als hermeneutische Rezeptionsformen innerhalb einer Geschichte der Stellenlektüre seit dem 18. Jahrhundert. Die Kontinuität und Veränderung der Stellenlektüre im medialen Wandel soll prototypisch anhand der Leitmedien Buch und Fernsehen von einem scheinbaren Randphänomen ausgehend beobachtet werden.
Sowohl die Neuorganisation des Schriftbilds und dessen serielle Gleichschaltung durch den Buchdruck, als auch die Implementierung der Fernbedienung in die Hände der Fernsehzuschauer haben eine tiefgreifende Veränderung in der Rezeptionsweise von Schrift- und Bildmedien ausgelöst. Diese Veränderung hatte auch Auswirkungen auf die Theorie und Praxis des gelehrten Arbeitens, sowie auf die Bildung aufmerksamer Subjekte. Denn obwohl die Stellenlektüre für Jahrhunderte in der gelehrten Tradition fest verankert war, wird sie spätestens seit dem späten 18. Jahrhundert von einem kulturkritischen Diskurs begleitet, der vor den Gefahren einer Zerstreuung des Bewusstseins und einem Kontrollverlust der Lektüre warnt. Blättern und Zapping erscheinen in dieser Kritik nicht nur als Missbrauch einer Technologie (das gedruckte Buch, die Fernbedienung), die eigentlich der Optimierung des Mediums und der Bequemlichkeit der Rezipienten dienen sollte, sondern auch als Akte der Gewalt gegenüber der Interpretation von Texten und Bildern.
Doch der einfache Gegensatz zwischen einer scheinbar flüchtigen Stellenlektüre und einer genauen Kunst der Interpretation (Universalhermeneutik) trügt. Denn die Literatur kennt nicht nur Texte, die die Produktivität einer fragmentierenden Lektüre thematisieren, sondern die auch ihre eigene Entstehung maßgeblich einer neuen Beweglichkeit im Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen verdanken. In solchen Texten erscheinen die Verfahren der Stellenlektüre nicht bloß als Gegenstand von Kritik und Wissenschaft, sondern diese werden zu einem Gegenstand der Kritik durch Literatur.
Neben philosophischen, psychologischen, medizinischen, pädagogischen und kulturkritischen Texten zum Thema sollen also vor allem literarische Texte zu Wort kommen, die eine besondere Aufmerksamkeit für das komplexe Verfahren der Stellenlektüre erkennen lassen. Denn nicht nur gegen Ende des 18. Jahrhunderts, sondern auch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gibt es literarische Versuche über den Zusammenhang von Stellenlektüre und Zerstreuung. Autoren wie Rainald Goetz oder Walter Kempowski organisieren sogar ganze Bücher nach diesem Prinzip.
Im ersten Teil des Dissertationsprojekts erfolgen konkrete Analysen zur Geschichte der Hermeneutik im 18. Jahrhundert und den zeitgenössischen Lectiolehren, zur Begriffs- und Diskursgeschichte der „Aufmerksamkeit“, zum erotischen Roman und dessen Umgang mit „Stellen“, zur Verzettelung von Stellen, sowie zur "Grillenfängerei". Der zweite Teil des Projekts handelt von Theorien zu einer Rezeption in der Zerstreuung, vom Daumenkino und dem Kaiserpanorama, sowie von dem Austauschverhältnis zwischen Fernsehen und Fernbedienung.
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