Bildgründe: Im Unschärfebereich des kinematographischen Bildes

Dissertationsprojekt von Adina Lauenburger

Das Projekt verfolgt grundlegend eine filmgeschichtliche Verortung des Videobildes. Dabei versteht es sich als Beitrag, die Filmgeschichtsschreibung um Fragestellungen zu ergänzen, die das Videobild aufwirft. Gründet etwa der filmtheoretische Kanon insbesondere auf einer Präferenz der Schärfentiefe und angrenzender ästhetischer Konzepte des Filmraums (Mise-en-scène), so lassen sich diese mit Auftauchen des Videobildes wenigstens bezogen auf Praktiken der räumlichen Staffelung des dramatischen Geschehens in Zweifel ziehen. Die Anordnung der Dinge, d.h. das Gefüge des kinematographischen Raums wird hier nämlich an den Konturen, aber auch an den Rändern des Bildes selbst ›unscharf‹. Kunsthistorisch betrachtet, kann die Unschärfe ein Indiz für Kunstfertigkeit oder für einen Mangel sein. Sie kann die Qualität des Trägermaterials veredeln oder preisgeben. Sie kann als intermediale Praxis Mediendifferenzen zum Verschwinden bringen, über eine ›Markierung‹ der Oberflächenstruktur des Bildes aber zugleich auf gemeinsame Stilistiken und Verfahren verweisen. Von diesem Gemeinsamen zwischen Film- und Videobild handelt die Dissertation. Die systematische Erfassung filmhistorischer Linien einer Technik- und Ästhetikgeschichte der Unschärfe, die stets die Analyse reflexiver Bildverhältnisse im Blick hat, erfolgt in drei Schritten. So lässt sich die kinematographische Praxis bis ca. 1940 wiederholt unter dem Begriff des Flächenbildes erörtern. Die Unschärfe ist hier häufig eine Begleiterscheinung, etwa bei Nahaufnahmen. Anhand der planmäßigen, dekorativen Betonung des Bildvordergrunds (Starsystem), etwa durch Schleier, werden Strategien der ›Enttiefung‹ des Filmbildes beschreibbar, die visuelle Formen von ›Plastizität‹ gegen eine zentralperspektivische Erfassung des Raumes setzen. Der zweite Schritt ermittelt die Entwicklungen von Filmmaterialien und Beleuchtungstechniken für den Zeitraum 1900 bis 1950 und versucht dem Aufkommen der Präferenz für die Schärfentiefe auf den Grund zu gehen, die, wie oben angedeutet, als eine der Gründungsfiguren der europäischen Filmtheorie der Nachkriegszeit gelten muss. Hierfür zeichnen sich augenscheinlich der Tonfilm und eine daran anschließende kritische Befragung der frühen Montagetheorien verantwortlich, sodass Schärfentiefe und Unschärfe nicht als Gegensätze auftreten, denn parallel lassen sich Animationsverfahren finden, die die Unschärfe nur noch selten zum Anlass, aber weiterhin durchaus zum Ergebnis haben. Zuletzt werden die Ergebnisse in die Beschreibung eines Bildtyps überführt: entlang der Begriffe ›Relation‹ und ›Qualität‹. ›Schicht‹ und ›Grund‹ eines Bildes werden dann als unterschiedliche Markierungen räumlicher, d.h. immer auch diegetischer Zusammenhänge lesbar.
Diese Seite empfehlen / Inhalte drucken | Impressum